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Donnerstag, 3. Mai 2007

"Facts" über sesam: "Massnehmen für das Seelenheil"

In der aktuellen Nummer berichtet Andrea Strässle von Facts über Sesam:

Kinder unter Beobachtung: Was braucht der Mensch für eine gesunde psychische Entwicklung?

Schweizer Wissenschaftler wollen 3000 Kinder samt Eltern und Grosseltern 20 Jahre lang intensiv ausforschen. Sie stossen auf heftigen Widerstand.

Stellen Sie sich vor: Es beginnt, als Sie sich, gerade mal 15 Zentimeter gross, im Mutterbauch räkeln. Forscher beugen sich über Ultraschallbilder von Ihnen, lauschen Ihren fötalen Herztönen. Später werden Sie Jahr für Jahr vermessen, untersucht, auf Herz und Hirn getestet. Während Sie dem ersten Schultag entgegenzittern, den ersten Liebeskummer durchleiden, ins Berufsleben einsteigen, werden Sie beobachtet, werden Essgewohnheiten, Fernsehkonsum und Sozialkompetenz säuberlich notiert. Nein, es geht weder um eine neue Big-Brother-Staffel noch um ein Sequel zum Film «The Truman Show». Das Szenario umschreibt das Schweizer Grossprojekt Sesam, das diesen Sommer starten soll. Psychologen, Neurowissenschaftler, Soziologen, Mediziner und Biologen wollen während 20 Jahren die gesundheitliche Entwicklung von 3000 Kindern ab der 20. Schwangerschaftswoche, von deren Eltern und Grosseltern verfolgen. Die Forscher treibt eine drängende Frage: Was braucht der Mensch für eine gesunde psychische Entwicklung?

Laut Weltgesundheitsorganisation werden Depressionen bis 2020 der zweithäufigste Grund vorzeitiger Sterblichkeit und massiver Lebensbeeinträchtigung sein. «Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an einer psychischen Störung zu erkranken, liegt hier zu Lande bei 49 Prozent», sagt Sesam- Direktor Jürgen Margraf, Psychologe an der Universität Basel, Sesams Mutterhaus. Um Depressionen, Angst- oder Sucht– erkrankungen wirksam vorzubeugen und sie optimal zu behandeln, fehlt es an Wissen: Was sind Ursachen und Auslöser? Und vor allem: Was ist es, das die psychisch Gesunden gesund hält?

12 000 Protest-Unterschriften

Diese Wissenslücken will das in seiner Ausrichtung weltweit einzigartige Projekt Sesam füllen: mit Ultraschall, Verhaltensbeobachtungen, Tests zur geistigen und körperlichen Entwicklung, Speichel-, Blutund Urinproben, Interviews und Stapeln von Fragebögen. Wie oft haben Mutter und Säugling Blickkontakt? Wie oft sieht die Grossmutter ihre halbwüchsige Enkelin? Was isst der Bub zum Frühstück? All das könnte eine Rolle spielen und muss folglich protokolliert werden. Studienleiter Margraf hofft auf Daten von 3000 Kindern, 5000 Eltern und 7000 Grosseltern.

Ein derart ehrgeiziges Vorhaben sorgt für Aufregung. Im Laufe der bald zweijährigen Planungsphase schlug Sesam massive Kritik entgegen. Der Basler Appell gegen Gentechnologie sammelte 12 000 Unterschriften gegen das Projekt. «Kinder dürfen nicht zu Forschungsobjekten gemacht werden», hiess es im Petitionstext. «Forschung am Kind, die diesem keinen direkten Nutzen bringt, ist ethisch fragwürdig», sagt Gabriele Pichlhofer vom Basler Appell. Ein Beitrag des Pharmaunternehmens Roche in die Sesam-Kasse machte die Kritiker zusätzlich hellhörig. «Wer garantiert, dass die Daten – unter anderem sensible Erbgutinformationen – nicht plötzlich der Pharmaindustrie in die Hände fallen?», fragt Pichlhofer.

Sesam wird gar vorgeworfen, eine rechtliche Grauzone auszunützen. Das Projekt schaffe ein Präjudiz für das Humanforschungsgesetz, das unter anderem die Forschung an Kindern auf Bundesebene regeln will. Das Gesetz war letztes Jahr in der Vernehmlassung und dürfte frühestens 2010 in Kraft treten. Bis dahin lässt sich unter Juristen trefflich streiten, ob und unter welchen Bedingungen die so genannte drittnützige Forschung am Kind, wie Sesam sie plant, erlaubt ist oder nicht.

Bei all der Aufregung ist eines vergessen gegangen: Drittnützige Forschung am Kind ist Alltag in der Schweiz wie im Ausland, seit Jahrzehnten – und ohne dass sich bislang jemand daran gestört hätte. Tatsache ist: Was wir heute an gesichertem Wissen über die Entwicklung von Kindern haben, stammt grösstenteils aus ebensolchen Studien.

Ein Beispiel sind die Zürcher Langzeitstudien, die bislang bedeutendste Langzeituntersuchung zur kindlichen Entwicklung im deutschen Sprachraum: Seit 1954 untersuchen Wissenschaftler an über 700 Kindern die Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Protokollierten die Forscher am Anfang nur das Wachstum, kamen später auch Motorik, Sprache, Kognition, Blasen- und Darmkontrolle sowie das Schlafverhalten hinzu.

Der Erzieher der Nation

Während über drei Jahrzehnten leitete der Zürcher Kinderarzt Remo Largo das Projekt. Die Forschungsergebnisse speisten seine Bücher «Babyjahre» und «Kinderjahre», die ihn zum Erzieher der Nation machten. Für ihn ist klar: «Ohne die Zürcher Langzeitstudien gäbe es diese Bücher nicht.»

Largos Team zeigte erstmals, wie verschieden sich gesunde Kinder entwickeln. Ob ein Kind mit 11 Monaten schon durch die Stube tapst oder erst mit 17 Monaten gehen lernt, macht es keinesfalls zum Genie oder zum Spätzünder auf Lebenszeit. «Ist die Bandbreite des Normalen bekannt, entlastet das die Eltern von Normvorstellungen und verhindert unnötige erzieherische oder therapeutische Massnahmen», erklärt Largo.

Ein Blick über die Landesgrenze zeigt: Im englischen Sprachraum haben Langzeitstudien an Kindern eine besonders reiche Tradition. Grossbritannien lancierte seine erste nationale Geburtskohortenstudie mit sämtlichen Kindern, die innerhalb einer Märzwoche des Jahres 1946 zur Welt kamen. Sie gehört zu den am längsten laufenden Studien zur menschlichen Entwicklung weltweit. Ihre Ergebnisse prägen das britische Gesundheitswesen bis heute.

Auch die USA erkannten früh das Potenzial derartiger Entwicklungsstudien. Im Collaborative Perinatal Project (CPP) wurden zwischen 1959 und 1965 über 40 000 werdende Mütter rekrutiert und schon während der Schwangerschaft untersucht. Die Liste der Ergebnisse ist lang. Über 400 wissenschaftliche Veröffentlichungen basieren auf CPP-Daten – und immer noch kommen neue hinzu. Die Studie entdeckte zum Beispiel, dass Röteln bei Schwangeren zu schweren Geburtsschäden beim Kind führen kann. Weiter identifizierten die Forscher eine Reihe von Medikamenten, die das Ungeborene schädigen. Es zeigte sich, dass einer der Hauptauslöser von Frühgeburten eine Entzündung der Plazenta ist, dass die Ursachen für eine zerebrale Kinderlähmung häufiger in der Schwangerschaft als in der Geburt liegen – und vieles mehr.

Die derzeit grösste und am ehesten mit Sesam vergleichbare Langzeitstudie an Kindern läuft in der Region Avon in Grossbritannien: Das Projekt namens Alspac begleitet über 14 000 Kinder, die Anfang der Neunzigerjahre geboren wurden, und deren Eltern. Unter dem Slogan «Working towards a better life for future generations» will Alspac möglichst alle sozialen, psychologischen, umweltabhängigen und genetischen Einflüsse auf die Entwicklung von Kindern aufdecken. Die Ausbeute ist reich: Über 260 wissenschaftliche Publikationen sind bisher veröffentlicht worden. Beispielsweise zeigte die Studie, dass Schlafen in Bauchlage das Risiko für den plötzlichen Kindstod erhöht. Nach Informationskampagnen sanken die Fälle von plötzlichem Kindstod in Grossbritannien um mehr als die Hälfte. «Derartige Zusammenhänge lassen sich ohne Langzeitstudien nur schwer dokumentieren», sagt Dieter Wolke von der Universität von Warwick, ehemaliger stellvertretender Direktor von Alspac und Mitantragsteller von Sesam.

Weitere Ergebnisse von Alspac: Die Einnahme des Schmerzmittels Paracetamol im letzten Schwangerschaftsdrittel erhöht das Risiko, dass das Kind an einer frühen Form von Asthma erkrankt. Gestillte Kinder haben einen tieferen Blutdruck. Kinder, die früh in den Kindergarten kommen, entwickeln sich genauso gut wie Kinder, die länger bei der Mutter bleiben. Nicht zu viele Kalorien, sondern zu wenig körperliche Aktivität sind hauptverantwortlich für Übergewicht. Und Kinder in ausserordentlich sauberen Haushalten entwickeln eher Asthma.

Aufschrei der Empörung

Im Alspac-Programm findet selbst jene Forschung problemlos statt, über die Sesam beinahe gestolpert wäre: Die Engländer beziehen – mit dem Einverständnis der Eltern – die genetischen Daten ihrer Teilnehmer mit ein. Aus Blutzellen von Mutter und Kind züchten die Wissenschaftler Zelllinien, die einen unerschöpflichen Vorrat an DNA garantieren.

In der Schweiz führten ähnliche Pläne zu einem Aufschrei der Empörung: Eltern hätten kein Recht, das Erbgut ihrer unmündigen Kinder für Forschungszwecke freizugeben. Das ganze Projekt drohte in einem einzigen Tumult um die Reizwörter «Kind» und «Gen» zerfetzt zu werden.

Erst eine besonnene Entscheidung der Ethikkommission beider Basel brachte das schlingernde Schiff wieder auf Kurs. Das Gremium genehmigte das Projekt Sesam samt DNA-Untersuchungen, erlaubt diese aber nur an Erwachsenen. Wollen die Sesam-Forscher nebst der Eltern-DNA auch das Erbgut der Sprösslinge analysieren, müssen sie sich bis zu deren Volljährigkeit und Einverständnis gedulden. Damit kommt Andreas Papassotiropoulos, der beim Sesam-Projekt für die Genetik zuständig ist, gut zurecht: «In erster Linie interessiert mich die DNA der Erwachsenen.»

Der Molekularpsychologe kann im Gespräch nicht verbergen, wie sehr ihn die Feindseligkeit überrascht hat, die Sesam und besonders seinem Teilprojekt entgegenbrandet. Es gehe bei seiner Studie keineswegs darum, auf Grund irgendwelcher Gene Menschen zu identifizieren, die einmal an Angststörungen oder Depression erkranken dürften. «Das ist gar nicht möglich: Zum einen gibt es kein simples Angst- oder Depressionsgen, zum andern ist die Biologie nur ein Faktor von vielen, die bei einer psychischen Erkrankung mitspielen.»

Papassotiropoulos versteht die Genetik vielmehr als Werkzeug, um Moleküle aufzuspüren, die in irgendeiner Art mit psychischen Störungen zu tun haben. «Daraus ergeben sich Hinweise, wo weitere Forschungsprojekte ansetzen können.»

Nach der Auflage der Ethikkommission zu den Erbgutuntersuchungen sind die Sesam- Kritiker aber längst nicht verstummt. Die drittnützige Forschung am Kind steht weiterhin im Kreuzfeuer. Der Basler Appell fordert gar, das «Prestigeprojekt» nun ganz abzublasen, und droht mit rechtlichen Schritten.

«So etwas habe ich bei der Vorbereitung einer neuen Studie noch nie erlebt», sagt der Experte für Langzeitstudien, Dieter Wolke. Das Drama stösst nicht nur bei den Beteiligten von Sesam auf Kopfschütteln. Die Sozial- und Präventivmedizinerin Ursula Ackermann-Liebrich etwa staunt: Bis heute würden zahlreiche Therapien an Kindern durchgeführt, deren Nutzen und Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt seien. «Da schreit kein Mensch. Aber wenn Forscher das Wissen, das für wirksame Prävention oder Therapien notwendig ist, vermehren wollen, dann schreit man laut.» Die Professorin der Universität Basel leitete jahrelang die Basler Kindergartenstudie, eine Langzeituntersuchung zur Entwicklung von Schweizer Kindern und italienischen Migrantenkindern. «Auf fremdnützige Forschung zu verzichten, weil das Kind vielleicht keinen unmittelbaren Nutzen hat, beruht auf einer naiven Vorstellung von Forschung.»

Kommt hinzu, dass ein fehlender unmittelbarer Nutzen nicht automatisch bedeutet, dass die Teilnehmer als Versuchskaninchen missbraucht werden. Wie liesse sich sonst erklären, dass die Teilnahmeraten von grossen Langzeitstudien nach Jahrzehnten noch bei 80 Prozent oder sogar höher liegen? Einmal rekrutiert, bleiben die Teilnehmenden «ihrer» Studie treu. «Wir haben Familien, die ins Ausland gezogen sind und trotzdem jedes Jahr zur Untersuchung anreisen», sagt Jennie Cross, Koordinatorin bei Alspac. Kinder wie Eltern ziehen oft einen ganz persönlichen Gewinn aus ihrer Teilnahme – oder haben schlicht ihren Spass daran.

Mühe mit Herausragendem

Was bleibt dann noch übrig als Grund für die Ablehnung von Sesam? Dieter Imboden, Präsident des Nationalen Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds, ortet das Problem im typisch schweizerischen Misstrauen gegenüber grossen Würfen. «Wie kaum anderswo haben wir Schweizer offensichtlich Mühe mit dem Umgang und der Akzeptanz von Herausragendem, betreffe dies Personen oder Ideen», sagte er an einer Medienkonferenz. Kritiker des Projekts sehen das anders: «Sesam will zu hoch hinaus und macht der Öffentlichkeit falsche Versprechungen», sagt die Basler Psychologin Ursula Walter.

Da sind die US-Amerikaner anders gestrickt. Sie planen ein Mega-Projekt, neben dem Sesam sich wie eine Fallstudie ausnimmt: Die National Children’s Study soll im ganzen Land 100 000 Kinder von der frühen Schwangerschaft bis zum 21. Geburtstag verfolgen. Die Studie hätte dieses Jahr starten sollen, doch nach einer Kürzung der staatlichen Mittel fehlt es am nötigen Kleingeld: Das Projekt dürfte über 25 Jahre hinweg mindestens 3,7 Milliarden Dollar kosten.

Eine zweite Erklärung für den Widerstand liegt im zeitlichen Zusammentreffen mit der Diskussion um das neue Humanforschungsgesetz: Sesam bietet sich rigorosen Gentechgegnern und Kritikern drittnütziger Forschung mit Kindern an, um ein Exempel zu statuieren. Oder wie der stellvertretende Sesam-Direktor Alexander Grob es formuliert: «Wir sind in eine unglückliche Zeit hineingekommen und müssen den Kopf hinhalten für Dinge, die mit Sesam wenig zu tun haben.»
Projekt-Finanzen: Roche setzt Fragezeichen
Das ursprüngliche Budget für den Zeitraum von 2005 bis 2008 beträgt knapp 23 Millionen Franken. Davon entfallen 10 Millionen auf den Nationalfonds, der Rest auf die Universität Basel und Dritte. Unter Letzteren ist der Pharmakonzern Roche: Er sicherte Sesam letztes Jahr 6 Millionen Franken zu. «Roche stärkt mit diesem Engagement die Life Sciences am Forschungs- und Wirtschaftsstandort Basel und knüpft an die Unterstützung ausdrücklich keine weiteren Bedingungen», hiess es damals in einer Mitteilung der Uni Basel. Nach dem Wegfall von Erbgutuntersuchungen an Kindern will Roche, die ultraschnelle DNA-Analysegeräte vertreibt, ihr Engagement jedoch überdenken. «Wir stehen mit der Universität im Gespräch», bestätigt Roche-Sprecherin Katja Prowald.

Dienstag, 17. April 2007

Sesam: "Basler Appell gegen Gentechnologie" verlangt Akteneinsicht

Der Appell publizierte heute das folgende Communiqué:
Schluss mit der Geheimnistuerei bei SESAM: Basler Appell gegen Gentechnologie fordert umfassende Akteneinsicht

Vor einem Monat wurde das Forschungsprogramm SESAM mit drastischen Abstrichen und unter Auflagen von der Ethikkommission Beider Basel (EKBB) zugelassen. Doch nach wie vor liegen Hintergrund und Pläne des umstrittenen Projekts im Dunkeln. Heute Dienstag hat deshalb der Basler Appell gegen Gentechnologie beim Staatssekretariat für Bildung und Forschung in Bern ein Gesuch um Akteneinsicht in Sachen SESAM gestellt. Unabhängig vom Entscheid der EKBB und einem möglichen baldigen Projektbeginn der Studie fordert der Verein Einsicht in sämtliche amtliche Dokumente, die im Zusammenhang mit dem nationalen Forschungsschwerpunkt SESAM beim Staatssekretariat vorliegen.

Der Basler Appell gegen Gentechnologie hat sich juristisch beraten lassen und beruft sich auf Art. 10 des Bundesgesetzes über das Öffentlichkeitsprinzip in der Verwaltung (BGÖ), das seit dem 1. Juni 2006 in Kraft ist. Danach kann jede Person ein Gesuch auf Akteneinsicht bei einer öffentlichen Verwaltung stellen. Des Weiteren berufen wir uns auf Art. 6 BGÖ, nach dem jeder Person das Recht gewährt wird, amtliche Dokumente einzusehen und von den Behörden Auskünfte über den Inhalt amtlicher Dokumente zu erhalten. Die Dokumente können vor Ort eingesehen werden oder es können Kopien davon angefordert werden.

Unter anderem geht es uns um die Vertragsdetails. Das Forschungsprojekt SESAM hat vom Schweizerischen Nationalfonds für die erste Projektphase einen Betrag von 10,2 Millionen Franken erhalten. Zu erwarten ist, dass über die Zahlung dieser Summe ein Vertrag besteht. Der Basler Appell kritisiert die Vergabe von Projektgeldern, die seit zwei Jahren an ein ethisch und rechtlich fragwürdiges Projekt fliessen. Es handelt sich um öffentliche Gelder, insofern fordern wir an dieser Stelle Transparenz über die Verwendung der Mittel und in der Frage, ob das Projekt auch nach den massiven Abstrichen durch die EKBB noch dem Vertrag entspricht.

Zudem verfügt SESAM nach eigenen Angaben über Eigen- und Drittmittel in Höhe von 12'500'786 Franken. Der Basler Appell geht auch hier davon aus, dass Verträge bestehen. Insbesondere verlangen wir Akteneinsicht in sämtliche Abkommen, die zwischen der Firma Hoffmann-La Roche und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt SESAM oder der Universität Basel geschlossen wurden.

Schliesslich geht der Basler Appell gegen Gentechnologie davon aus, dass das in den Medien thematisierte, aber nie publizierte Rechtsgutachten von Prof. Reinhard J. Schweizer dem Staatssekretariat für Bildung und Forschung vorliegt. Deshalb fordern wir ebenfalls Einsicht in dieses Gutachen.

Die Erkenntnisse aus der Akteneinsicht können Basis für juristische Schritte des Basler Appells gegen Gentechnologie sein.

Dienstag, 3. April 2007

NZZ-Leserbrief: "Ohrfeige für Sesam"

NZZ 3.4.07, S. 17:

Kürzlich hat die Ethikkommission beider Basel, die das Forschungsprojekt «Sesam» zu beurteilen hatte, beschlossen, das Projekt nur unter Auflagen zuzulassen; so wird man u. a. auf die DNA-Untersuchung bei Kindern verzichten müssen (NZZ 20. 3. 07). Nach Meinung der Kommission könnte die Offenbarung genetischer Informationen für Jugendliche zu einer lebenslangen Belastung werden, was wohl auch zu psychischen Erkrankungen führen könnte - die Studie hätte somit selber produziert, was sie erforschen wollte. Und wie reagieren die «Sesam»- Verantwortlichen auf diese Ohrfeige? Der Vizedirektor habe sich «ausserordentlich glücklich» über den «grosso modo positiven Entscheid» gezeigt, heisst es im Bericht. Einzige Sorge ist, dass die Auflagen der Kommission zu höheren Kosten führen werden. Dass den Forschern die kritischen Gedanken nicht selber gekommen sind, ist offenbar nicht der Rede wert. Scham gehört nicht ins Repertoire der positivistischen Universitäts-Psychologen. Wenn das psychische Gesundheit ist, brauchen wir keine psychischen Krankheiten mehr.

Dr. med. Christoph Zimmermann, Psychoanalytiker, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (Bern)

Mittwoch, 28. März 2007

Interview mit Jürgen Margraf zu Sesam

Die Aargauer Zeitung und die ihr angeschlossenen Regionablätter publizierten in den letzten Tagen dieses Interview in dieser oder einer leicht redigierten Fassung:

«Wir wollen doch etwas Gutes tun»

Jürgen Margraf, Leiter der Studie Sesam, die mit 15 000 Teilnehmern herausfinden will, welche Ursachen zu einer gesunden psychischen Entwicklung führen, ist zuversichtlich, das Projekt in den nächsten Wochen starten zu können.
Mit Jürgen Margraf sprach David Sieber


Herr Margraf, haben Sie Kinder?

Jürgen Margraf: Ja, zwei. Die Tochter ist zehn, und der Sohn geht schnell auf die 16 zu.

Würden Sie Ihre Kinder an einem Projekt wie Sesam teilnehmen lassen?

Margraf: Selbstverständlich. Ich würde bei meiner Arbeit nichts tun, was ich nicht in meinem Umfeld machen würde. Untersuchungen an Erwachsenen und Kindern sind Alltag. In der Pädagogik, der Pädiatrie und eben in der Entwicklungspsychologie haben solche Studien eine lange Tradition.

Hätten Sie auch keine Bedenken, an Ihren unmündigen Kindern DNA-Analysen durchführen zu lassen?

Margraf: Da hätte ich überhaupt keine Bedenken. Denn es besteht kein Risiko. Sesam beschäftigt sich mit dem ganzen Menschen, seinem Körper und seinem Geist. Gene sind nur ein Baustein des Lebens. Die DNA-Analysen, die wir planen, sollen helfen, genauer zu verstehen, welche Prozesse bei psychischer Gesundheit und Krankheit eigentlich ablaufen. Es geht nicht darum, das Gen gegen Depression zu finden. Das gibt es ohnehin nicht. Uns interessiert: Wie wirken Umwelt und Erbgut zusammen?


Nun will die Ethikkommission beider Basel aber nicht, dass Kinder zu einer DNA-Analyse herhalten müssen ...


Margraf: ... selbst, wenn die Eltern einverstanden sind, ja. Diese Auflage hat die Kommission uns gemacht. Und daran halten wir uns. Wir machen die Analysen nun erst, wenn die Kinder im Alter von 18 ihr Einverständnis dazu geben.

Bricht damit der Kern der Studie weg, wie Sesam-Kritiker meine
n?

Margraf: Nein. Der Entscheid tangiert die Studie nur zeitlich. Die Bandbreite unserer Forschung reicht von der Biologie und Genetik über die Psychologie bis zur Soziologie. Die Genetik macht nur etwa fünf Prozent unseres Budgets von rund 21 Millionen Franken für die ersten vier Jahre aus. Und nur ein Prozent war für DNA-Analysen an den Kindern vorgesehen. Wir werden etwa 5000 Eltern, 7000 Grosseltern und 3000 Kinder bei Sesam mit dabeihaben. Bei den 12 000 Erwachsenen können wir die DNA-Analysen sofort durchführen. Weil die Korrelationen mit Krankheiten sich ohnehin erst im Erwachsenenalter zeigen, können wir mit der Empfehlung der Ethikkommission gut leben.

Die Kritik an Sesam war laut und fundamental. Hat Sie das überrascht?

Margraf: Dass das Interesse gross ist, habe ich erwartet. Ich konnte die Kritik teilweise verstehen, doch die Lautstärke und die teils fundamentalistischen Argumente haben mich erstaunt. Dabei geht es uns doch darum, etwas Gutes zu tun. Wir wollen verstehen, wie sich Menschen gesund entwickeln. Gesundheit ist für die Menschen eines der höchsten, für einige gar das höchste Gut. Die Psychologie hat gezeigt, dass die Menschen trotzdem dazu neigen, zu lange zu warten und ihr Verhalten erst ändern, wenn die Erkrankung da ist. Es ist deshalb wichtig, dass sich die Menschen frühzeitig um ihre Gesundheit kümmern. Und deshalb müssen wir verstehen, welche Pfade zu einem gesunden Leben führen und welche Pfade vor der Krankheit gegangen worden sind.

Weshalb haben Sie so lange mit Informationen gegeizt und nicht einfach den ganzen Projektbeschrieb veröffentlicht?


Margraf: Das ist international nicht üblich. Zum einen muss man die im Antrag enthaltenen Ideen schützen, vor allem aber werden bei derartigen Studien die Details erst in einer intensiven Vorbereitungsphase ausgearbeitet. Da hätte es schnell Verwirrung gegeben, wenn verschiedene Zwischenstände nebeneinander gestanden hätten. Nachdem diese Vorbereitungen nun abgeschlossen sind, können wir nun mit Foren starten, wo wir der Öffentlichkeit Red und Antwort stehen.

Sesam wurde zu Anfang sinngemäss als Beitrag zur psychischen Gesundung der Schweiz angepriesen, wovon auch die Wirtschaft profitiere. Der Pharmamulti Roche unterstützt das Projekt mit sechs Millionen Franken. Wundert Sie da der Einwand, bei Sesam gehe es vorab darum, die Grundlagen für neue Therapieformen und Medikamente zu schaffen, um damit Geld zu verdienen?

Margraf: Ich persönlich finde, neue Therapieformen wären sehr sinnvoll. Denn die Vorhandenen sind bei weitem nicht perfekt. Ich kenne auf meinem Gebiet, der Psychotherapie, keine Methode, die hundertprozentig wirkt. Es ist aber nicht gesagt, ob und in welchen Bereichen Sesam solche neuen Möglichkeiten eruieren wird. Zum Beispiel: Ein Grund für den Anstieg der Angst, den wir in den westlichen Industriestaaten - und da besonders stark bei Kindern - beobachten, ist in der Veränderung der zwischenmenschlichen Beziehungen zu sehen. Die Scheidungsrate steigt, die Menschen heiraten immer später, die Erstgebärenden werden immer älter, und die Geburtenrate ist niedrig. Allgemein nimmt die soziale Verbundenheit ab - der wichtigste Schutzfaktor für das Individuum überhaupt.

Warum ist das so?

Margraf: Das hat mit gesellschaftlichen Werten und Normen, mit ökonomischen, aber auch mit psychologischen Faktoren zu tun. Ich glaube nun wirklich nicht, dass daran eine Veränderung der Genetik schuld ist. Wenn ich etwas gegen diese Entwicklung tun will, dann muss ich auf der gesellschaftlichen Ebene ansetzen und wohl kaum mit Therapien und Medikamenten. Wenn es aber aufgrund unserer Forschung neue Medikamente gibt, ist das auch eine gute Sache. Denn auch die Medikamente können noch deutlich verbessert werden, weil sie in Bezug auf Nebenwirkungen und Abhängigkeiten Probleme machen. Es hat in diesem Bereich seit Jahrzehnten keine grossen Fortschritte gegeben. In erster Linie geht es uns aber darum zu verhindern, dass das Kind überhaupt in den Brunnen fällt.

Und das schaffen Sie mit der Beobachtung von 15 000 Menschen über drei Generationen hinweg?

Magraf: Wir hoffen, die Exzesse, wie krankhafte Depressionen, in den Griff zu bekommen. Um normale Durchhänger, die wie die Grippe zu unserm Leben gehören, geht es nicht. Es ist aber wichtig zu verstehen, wie solche Durchhänger entgleiten. Vermutlich spielen sich in diesen Fällen Aufschaukelungsprozesse ab. Es ist sicher nicht so, dass die betroffenen Personen grundsätzlich anders als andere Menschen sind.

Und bei diesen Aufschauklungsprozessen spielen dann die biologischen, genetischen, psychologischen und sozialen Faktoren eine Rolle?

Margraf: Genau. Das macht es so schwer, hier voranzukommen. Deshalb Sesam, wo zum Beispiel die Kollegen von der Soziologie mit jenen von der Molekulargenetik zusammenarbeiten. Da hatten wir mit unserem Projekt zunächst das Problem, dass es gesellschaftliche und wissenschaftliche Moden gibt. Gegenwärtig ist es gerade in, nicht auf die Gesellschaft, sondern auf das Individuum zu gucken. Und beim Individuum guckt man auf die Biologie und nicht auf psychosoziale Anteile. Konkret hält man derzeit grosse Stücke auf Gehirnbilder. Man sucht nach dem Gottesgen und behauptet, weil in einem spezifischen Teil etwas leuchtet, nun zu wissen, weshalb der Mensch religiös ist. Das ist Unfug. Natürlich «leuchtet» etwas im Gehirn beim Denken. Aber das ist doch keine Ursache, sondern eine Korrelation. Und weil dies gerade Mode ist, ist es auch einfacher, dafür Geld zu erhalten als für die Soziologie. Das Besondere an Sesam ist nun, dass wir all die Disziplinen zusammenbringen.

Dem Nationalfonds, Ihrem Hauptgeldgeber, wird vorgeworfen, Naturwissenschaften gegenüber Geisteswissenschaften zu bevorzugen. Sesam erhielt nicht zuletzt wegen dieser Kritik den Zuschlag, worauf es wiederum hiess, Ihr Projekt sei eigentlich auch hauptsächlich naturwissenschaftlich.


Margraf: Das ist das Problem, wenn man interdisziplinär arbeitet. In Sonntagsreden wird dieser Begriff immer wieder beschworen. In der Realität sind weder die Unis noch die Forschungsförderungen dieser Welt entsprechend organisiert.

Wie haben Sie die unterschiedlichen Forscher eigentlich zusammengebracht?

Margraf: Einfach wars nicht, wie überhaupt die ganze Vorarbeit weit aufwendiger war, als man sich vielleicht vorstellt. Aber die Einsicht, dass wir dieses wichtige Projekt nur gemeinsam in Angriff nehmen können, hat sich rasch durchgesetzt. Natürlich war und ist es für den einen oder anderen Forscher, der auf seinem Gebiet eine Kapazität ist, nicht ganz einfach, sich von einem Kollegen einer anderen Disziplin dreinreden zu lassen. Doch ist es unumgänglich, dass man sich bei einer Haupt- und zwölf Teilstudien immer wieder rückvergewissert. Dafür haben wir ein internes Begutachtungssystem. Bisher hats sehr gut geklappt. Die nächste Nagelprobe steht bevor, wenn dann die ersten Daten erhoben und ausgewertet werden.

Das heisst, wenn die 3000 Schwangeren rekrutiert sind. Ab wann werden diese gesucht?

Margraf: Wir werden in den nächsten Wochen, sobald wir die Vorgaben der EKBB umgesetzt haben, mit den Vorstudien beginnen können. Vorerst nur in Basel, weil in Bern, Zürich, Lausanne und Genf die dortigen Ethikkommissionen erst noch entscheiden müssen. Sobald wir überprüft haben, ob unsere Übungsanlage perfekt ist, sprechen wir Schwangere an, die in Frauenspitälern zu Routineuntersuchungen kommen, und fragen sie auch, ob wir den Vater und ihre Eltern einbeziehen dürfen. Danach fragen wir den Vater, ob wir seine Eltern kontaktieren dürfen. Ist alles geklärt, beginnen wir mit den Untersuchungen.

Wie muss man sich diese Untersuchungen genau vorstellen?


Margraf: Im Zentrum stehen die Mutter und ihr Kind. Während der Schwangerschaft haben wir zwei Untersuchungszeitpunkte. Dann schauen wir, wie die Geburt verlaufen ist. Denn daraus lassen sich wichtige Schlüsse ziehen. Eine Kollege, der bei Sesam dabei ist, hat zum Beispiel nachgewiesen, dass schwierige Geburten, die sowohl Mutter und Kind belasten - und ein wenig auch den Vater, wie ich aus eigener Erfahrung weiss -, zu bestimmten Interaktionsmustern führen, die noch Jahre später festgestellt werden können. Danach sehen wir die Familien, wenn die Kinder sechs, zwölf und 24 Monate alt sind, bevor wir auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus wechseln. Dabei geht es um Meilensteine der Entwicklung, also wann die Kinder zum ersten Mal sprechen, sitzen und gehen.

Was machen Sie mit den Kindern?

Margraf: In den ersten Lebensjahren studieren wir ihr Verhalten und ihr Umfeld, stellen etwa fest, wo und wie sie wohnen, ob es dort zum Beispiel wegen des Verkehrs laut und ob die Luft schlecht oder gut ist. Uns interessiert aber auch die Feinfühligkeit der Mütter. Nehmen sie wahr, was das schreiende Kind will? Sehr wichtig sind auch der Umgang mit alltäglichen Anforderungen und die gegenseitige Unterstützung zwischen Generationen.

Dazu sprechen Sie mit Müttern, Vätern und Grosseltern?

Margraf: Wir fragen nach besonderen Ereignissen, nach dem Umgang mit Stresssituationen und vielem mehr. Die Grosseltern interviewen wir weniger oft, was aber vorab pragmatische, sprich finanzielle Gründe hat. Wichtig sind ihr Wohlbefinden, ihre Werte, ihre Gesundheit - und welchen Einfluss das nun auf die Eltern und die Kinder hat. Umgekehrt aber auch, welchen Einfluss die Eltern und die Kinder auf die Grosseltern haben.

Wie aussagekräftig kann Sesam überhaupt werden? Sie müssen ja zum Beispiel in jenen Fällen eingreifen, wo eine akute Gefährdung besteht.

Margraf: Das ist klar. Auch bei Offizialdelikten wie häuslicher Gewalt sind wir verpflichtet einzugreifen. Bei normalen Problemen müssen wir das aber nicht. Denn die haben wir alle. Menschen bewältigen ihre Probleme meist selbst. Geht es um körperliche Probleme, so werden wir die nicht feststellen können, wenn sie genetisch bedingt sind. Weil wir die dafür erforderlichen Gentests nicht machen.

Die Sesam-Probanden wissen, dass sie an einer Untersuchung teilnehmen. Beeinflusst das nicht zwangsläufig das Ergebnis?

Margraf: Da hat man internationale Erfahrungswerte, mit denen man dieses Phänomen beurteilen kann. Zudem fragten wir Kollegen, die Erfahrung mit Langzeitstudien haben, wie ihre Teilnehmer reagiert haben. Die Antwort: neutral bis positiv. Nicht wenige hätten ihr Mehrwissen zur Verbesserung der eigenen Situation genutzt - oder schlicht vergessen, dass sie überhaupt teilgenommen haben.

Wie repräsentativ für die Schweizer Bevölkerung wird Sesam sein?

Margraf: Unsere Stichprobe kann nicht repräsentativ sein: Die Teilnahme ist freiwillig, wir arbeiten mit Frauenspitälern zusammen, wo längst nicht alle Schwangeren zur Vorsorge hingehen, und die Probanden müssen über einigermassen gute Deutsch- oder Französischkenntnisse verfügen, damit sie die Fragebögen ausfüllen können. Aber wir machen ja auch keine Quer-, sondern eine Längsschnittstudie. Und da versucht man in die Zukunft gerichtet zu schauen, wie sich Menschen entwickeln. Entscheidend dabei ist, wie viele bis zum Schluss dabeibleiben. Wir erwarten, dass es über 70 Prozent sein werden.

Und wo werden Sie in 20 Jahren sein?

Margraf: Im Ruhestand - und hoffentlich mit Neugier verfolgen, was die Jüngeren Spannendes tun.

Samstag, 24. März 2007

SR DRS Wissenschaftgsmagazin: EKBB-Entscheid folgenlos

Christian Heuss, Wissenschaftsredaktor von SR DRS, beurteilt das Verdikt der EKBB in der aktuellen Ausgabe von "Wissenschaft DRS2" sehr skeptisch. SESAM brauche die abgelehnten DNA-Untersuchungen bei Kindern gar nicht. Das Verbot der Ethik-Kommission stosse ins Leere. Zu hören direkt hier, ab der 40sten Sekunde:


Freitag, 23. März 2007

Zeitungskommentare zu EKBB-Entscheid

20.3.07, baz:
Notwendige Korrektur
Stefan Stöcklin

Vor zwei Jahren hat der Nationalfonds das Forschungsprojekt «sesam» genehmigt, seit gestern erst liegt das Verdikt der Ethikkommission vor, die das Projekt im Kern zwar gutheisst, aber heikle DNA-Untersuchungen bei Kindern stoppt. Dass es so lange gedauert hat, liegt nicht an der Langsamkeit der Ethiker, sondern an der Unfähigkeit der Bewilligungsbehörden und der «sesam»-Leitung. Die Behörden haben ein Projekt durchgewinkt, ohne Rücksicht auf offene Fragen und fehlende Gesetze. Die Leitung hat die Komplexität des eigenen Vorhabens massiv unterschätzt und die Probleme kleingeredet. Angesichts dieser Umstände muss man der Ethikkommission unter der Leitung von Hans Kummer ein Kränzchen winden. Sie hat ungeachtet aller Druckversuche entschieden, dass auf die genetischen Untersuchungen bei Neugeborenen verzichtet werden muss › eine notwendige Korrektur. Zudem hat sie mit der geforderten unabhängigen Begleitstudie die Kontrolle erhöht: eine Forderung etwa der SP Basel-Stadt.

Mit dem Entscheid gelingt der Doppelschlag: einerseits die Öffentlichkeit zu besänftigen und anderseits die Forscher zu befriedigen. Trotz diesem Verdikt ist das Projekt realisierbar. Auf einem anderen Blatt steht, ob es auch so viel Erkenntnis bringen wird, wie heute noch immer versprochen wird. Da sind Zweifel angebracht.

Nach dem harzigen Vorlauf steht nun die praktische Prüfung an › mit der Rekrutierung der Schwangeren. In den nächsten Monaten muss sich zeigen, ob die Probanden mitmachen, sonst wird die Finanzierung gestoppt. So entscheidet am Ende die Bevölkerung, ob sich «sesam» wirklich öffnet. Gut so.


22.3. Aargauer Zeitung
Noch zu früh für Transparenz total
Christoph Bopp

DNA-Profile Um verantwortungsvoll mit ihnen umgehen zu können, fehlt es uns an Wissen

Der Entscheid der Ethik-Kommission beider Basel, das «Sesam»-Projekt grundsätzlich zu erlauben, war richtig. Dass sie es nur mit Auflagen tat, war sogar weise. Denn wir sind weder technisch- wissenschaftlich «klug» genug, noch philosophisch-sozial «reif» genug, um mit persönlichen DNA-Profilen umzugehen. Damit hat die Ethik-Kommission ihre Aufgabe erfüllt, denn aus Wissenschaftsperspektive wäre es attraktiv gewesen, das Projekt auch auf diesem biologisch-fundamentalen Level zu betreiben. Man wird es zweifellos eines Tages auch tun. Eine «DNA-sesam-Datenbank» wäre für die Forschung in personalisierter Medizin von hohem Wert. Aber dass möglicherweise höchstens auf spekulativer Basis stehende Vermutungen über Veranlagungen oder Krankheits-Dispositionen die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen werden, das ist klar.

Was in uns ist vererbt und was wird erworben? Die Debatte ist teilweise tabuisiert durch das «Erbe» der Nazi-Zeit, weil sie unweigerlich «eugenische Reflexe» provoziert. Wer nicht über eine tiptoppe genetische Ausstattung verfügt, darf sich gar nicht erst als vollberechtigtes Mitglied der Gesellschaft fühlen. Das ist natürlich Unsinn. Denn über diese Dinge wissen wir schlicht praktisch nichts. Man vermutet, dass das menschliche Genom aus rund 25 000 Genen besteht. Ungefähr 17 000 sind kartiert. Und bei etwa 400 weiss man, dass ein Defekt eine Erkrankung zur Folge hat. Dabei handelt es sich um sehr spezielle Fälle. Dann wird es sehr schnell sehr komplex. Die Medizin hat zudem den Vorteil, dass sie ihre «Krankheiten» viel präziser definieren kann als die Psychiatrie. Noch problematischer ist es bei der Psychologie oder bei welcher Wissenschaft auch immer, die über Charakter und Begabung nachdenkt.

Donnerstag, 22. März 2007

baz-Leserbrief: "Selbstbestimmung wird in Frage gestellt"

22.3.07, S. 26:

Das «sesam»-Projekt halte ich persönlich für unvereinbar mit den Menschenrechten und der Bundesverfassung: Art. 10.1: «Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.» (Auch Art. 13: Schutz der Privatsphäre) Selbstverständlich haben Erwachsene das Recht, über ihre Kinder zu verfügen. Hier geht es aber um Forschung mit ungewissen Ergebnissen und nicht um eine Entscheidung, die sein Wohlsein und Wohlergehen unmittelbar betreffen. Die Verfügungsgewalt über ein Kind ist nicht grenzenlos. Das Projekt erstreckt sich aber bis ins Erwachsenenalter und es dürfte fraglich sein, ob man schon heute vom Probanden verlangen kann, seine Entscheidung vorwegnehmend, dass er als Mündiger zum Beispiel seine psychische Befindlichkeit offenbaren oder sich einem Gen-Test unterziehen muss. Das beschädigt sein Selbstbestimmungsrecht. Würde er sich weigern, würde die Studie an Boden verlieren. Würde sich eine Familie für die Teilnahme entscheiden, würde die Beteiligung für die Grosseltern sehr zwanghaft sein und nicht ihrer freien Willensbildung entspringen.

Dr. Rudolf Hopmann, Riehen

Dienstag, 20. März 2007

"Die Zeit" über Sesam

Am 15.3., vor der Publikation des EKBB-Entscheides, berichtete in der "Zeit" Lukas Leicht ausführlich über das Projekt Sesam unter dem Titel "Die Reifeprüfung":
Schweizer Forscher wollen 20 Jahre lang die psychische Entwicklung von 3000 Kindern verfolgen. Die Pläne stoßen auf erbitterten Widerstand.

Der Psychologe Jürgen Margraf hat sich zurückgezogen. Nachdem sein Projekt Sesam – eine Studie mit 3000 Kindern – in den vergangenen zwei Jahren auf massive Kritik gestoßen ist, lässt er sich in der Öffentlichkeit lieber von Kollegen vertreten. Der großgewachsene Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Basel und Direktor von Sesam hat einsehen müssen, dass sein selbstsicheres Auftreten polarisiert. Das ist in der heiklen Phase, in der sich das Projekt zurzeit befindet, das Letzte, was sich die Initiatoren wünschen. Im Moment beugen sich die Experten der Basler Ethikkommission über die umstrittenen Pläne und entscheiden, ob überhaupt und wie die Untersuchung durchgeführt werden darf.

Es steht viel auf dem Spiel. Die Schweizer Forschungsförderungsinstitutionen haben die Studie als sogenannten nationalen Forschungsschwerpunkt bewilligt und für die ersten vier Jahre mit mehr als zehn Millionen Franken ausgestattet. Der Schweizerische Nationalfonds in Bern befand, dass es sich um ein einzigartiges Vorhaben handle, mit dem mehr über die Ursachen einer gesunden psychischen Entwicklung herauszufinden sei.

Die Zahl der Menschen, die unter Angststörungen und Depressionen leiden, steige rapide, sagt Margraf. Das Projekt solle zeigen, welche psychologischen, sozialen und biologisch-genetischen Faktoren bei der Entstehung dieser Störungen mitwirken. Geplant ist dazu eine zwei Jahrzehnte dauernde Studie mit 3000 Kindern. Sie sollen von der 20. Schwangerschaftswoche an bis zum 20. Lebensjahr regelmäßig untersucht werden. Psychologen, Frauenärzte, Kinderärzte, Genetiker, Psychiater und Soziologen arbeiten in einem vernetzten Team an verschiedenen Kliniken und Instituten an der Ursachenforschung.

Neben den Kindern werden auch Eltern und Großeltern in die Studie einbezogen. Insgesamt, so rechnet Margraf vor, sollen die Daten von 10000 bis 20000 Menschen erfasst und analysiert werden. »Die Schweiz«, so heißt es im Projektantrag, »bietet aufgrund der geringen Mobilität der Wohnbevölkerung und der systematischen pränatalen Diagnostik ideale Voraussetzungen für die Studie.« Als wohlklingenden Namen konstruierten die Initiatoren das Akronym Sesam, es steht für Swiss etiological Study of Adjustment and Mental Health. Dem Basler Pharmagiganten Roche war das Projekt eine Spende von sechs Millionen Franken wert.

Bis jetzt ist das ambitionierte Vorhaben über die Planung jedoch nicht hinausgekommen. »Wir haben die Komplexität völlig unterschätzt«, sagt Margrafs Stellvertreter Alexander Grob. Ein von Rechtsprofessor Rainer Schweizer ausgeführtes Gutachten zeigt, was damit gemeint ist: Auf 56 Seiten listet er akribisch die juristischen Probleme auf, die sich mit der Studie auftun. Viele davon haben mit dem Schweizer Föderalismus zu tun. Er erschwert es, eine nationale Studie in verschiedenen Kantonen durchzuführen. Zudem aber wirft Sesam grundsätzliche Fragen auf, mit denen sich Juristen und Ethiker weltweit herumschlagen: Es geht um die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen, die Problematik genetischer Untersuchungen und den Datenschutz.

Dürfen Eltern bestimmen, ob ihr Kind zum Versuchskaninchen wird?

Unter Juristen umstritten ist, was den Initiatoren selbstverständlich erschien: dass Eltern das Recht haben, stellvertretend für ihre noch ungeborenen Kinder eine Teilnahme an der Studie zu bewilligen. Aus dem Gebot der Menschenwürde und dem Selbstbestimmungsrecht ergäben sich klare Einschränkungen, argumentiert etwa der Basler Rechtsphilosoph und Strafrechtler Kurt Seelmann. Entscheidend sei, ob die Betroffenen einen direkten Nutzen von den Untersuchungen hätten oder nicht. Fehle ein persönlicher Nutzen, dann werde es schwierig, die Teilnahme zu rechtfertigen. Andere Experten wie der Bioethiker Giovanni Maio von der Universität Freiburg argumentieren weniger restriktiv und gestehen den Eltern das Entscheidungsrecht auch für die fremdnützige Forschung zu. Weil in der Schweiz einschlägige Gesetze bislang fehlen, gibt es einen breiten rechtlichen Interpretationsspielraum.

Eine allgemeine Orientierung vermittelt das Übereinkommen über Menschenrechte und Biomedizin des Europarates. Es erlaubt die Forschung an nicht einwilligungsfähigen Personen unter zwei Bedingungen: wenn die Ergebnisse von allgemeinem Nutzen für Personen sind, die an der gleichen Krankheit leiden, und wenn die Risiken minimal sind. Die Schweiz hat diese Konvention zwar unterschrieben, aber noch nicht ratifiziert.

Deutschland hat sie noch nicht einmal unterzeichnet. Ohnehin wäre eine Massenuntersuchung wie Sesam in Deutschland aus historischen Gründen noch schwieriger durchzusetzen, sagen Rechtsgelehrte übereinstimmend. Ins Bild passt, dass eine ähnliche Longitudinal-Studie in Großbritannien läuft, einem Land, das der Bio- und Genforschung gegenüber traditionell weniger kritisch eingestellt ist. In der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (Alspac) werden 14000 Kinder seit den neunziger Jahren untersucht.

Greifen die Ärzte bei Störungen ein, verändern sie das Ergebnis der Studie

Nicht nur die Juristen, auch die Forscher stecken in einer Zwickmühle. Gestehen sie den Teilnehmenden einen Nutzen zu, indem sie etwa sehr früh bei sich abzeichnenden medizinischen Problemen intervenieren, schmälern sie durch diesen Eingriff den Erkenntnisgewinn. Die Fallstudien gingen den Forschern verloren. Die Sesam-Erfinder äußern sich zweideutig: Während Jürgen Margraf bereits versprochen hat, dass die Familien über wichtige Forschungsergebnisse informiert würden, was einen »unmittelbaren, individuellen« Eigennutzen darstelle, erklärte Alexander Grob vor Kurzem anlässlich einer Podiumsdiskussion, es gebe keinen direkten Nutzen. Man betreibe Grundlagenforschung. Einen Vorteil aber hätten alle Versuchspersonen: Schon die Teilnahme werde zu einer Sensibilisierung führen und das Bewusstsein für eine gesunde Entwicklung schärfen.

Im Rahmen der Schwangerschaftskontrollen sollen Frauen in der zwölften Woche in den Kliniken auf das Projekt hingewiesen und zur Teilnahme motiviert werden. Die Forscher verteilen Fragebögen und verwerten die Daten der Routine-Ultraschalluntersuchungen (Herzrhythmus, Bewegungsverhalten). Später werden sie Blut- und Speichelproben nehmen, um unter anderem die Konzentration von Stresshormonen zu messen. So möchten die Forscher klären, ob und wie sich Stress der Mutter bereits pränatal auf die Entwicklung des Kindes auswirkt.

Eine Speichelprobe bei der Geburt soll Auskunft über die DNA der Kinder geben. Gesucht wird nach »genetischen Merkmalen«, in denen sich gesunde und kranke Teilnehmer unterscheiden. Der Datenschutz, versichern die Forscher, sei dabei gewährleistet: Die Studien würden nur Gruppen in den Blick nehmen und keine Individuen. Andreas Papassotiropoulos, der die Genanalyse leiten soll, hat sich mit der Identifizierung von Genen einen Namen gemacht, die bei komplexen biologischen Vorgängen mitwirken.Jüngstes Beispiel ist ein Gen, das in den »gedächtnisrelevanten Regionen« des Gehirns aktiv ist. Aufgrund der Analyse Hunderttausender von Varianten (Polymorphismen) aus einer größeren Gruppe von Menschen und der Korrelation mit ihren Gedächtnisleistungen konnte Papassotiropoulos es identifizieren. Man kann davon ausgehen, dass der Genetiker ähnliche Studien für Sesam plant.

Die Erhebung genetischer Daten ist wohl der kritischste Punkt des Projektes, auch wenn die Studienleiter wiederholt erklärten, man werde die Daten so kodieren, dass Rückschlüsse auf einzelne Teilnehmer unmöglich seien. Allerdings müssen die genetischen Daten der Kinder mit der Beobachtung ihrer Entwicklung verknüpft werden können. Dies lässt sich zwar anonymisiert bewerkstelligen, doch im Zweifel sind genetische Befunde immer auf ein Individuum zurückführbar. Und sollten die Forscher auf interessante Gene oder Varianten stoßen, dann dürfte ihr Interesse groß sein, mehr darüber zu erfahren.

Die in zwölf Teilstudien erhobenen Befunde sollen langfristig gespeichert werden und auch für spätere Untersuchungen oder Kontrollen zur Verfügung stehen. Wie der Jurist Rainer Schweizer betont, hänge der Wert des Projekts von der Verknüpfung der einzelnen Datensätze ab – und die erfolgt über die Versuchsperson. Wie aber kann man die Probanden von einer Weiterverwendung der Daten schützen, vor der Neugierde von Versicherern, Arbeitgebern oder Strafverfolgungsbehörden?

Bei den Verantwortlichen von Sesam gibt man sich trotz der offenen Fragen zuversichtlich, noch in diesem Frühsommer mit der Rekrutierung von Schwangeren beginnen zu können. Der Druck ist groß. Die Geldgeber haben bereits wissen lassen, dass sie nicht mehr bereit seien, das Projekt nach zwei ergebnislosen Jahren weiter zu finanzieren, sollten sich weitere Verzögerungen abzeichnen.

Die Gegner des Projekts, unter anderem organisiert im »Basler Appell gegen Gentechnologie«, bereiten juristische Schritte vor, sollte die Ethikkommission das Vorhaben zulassen. Die Organisation hat bereits 12000 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt. Dass die Ethikexperten die Großstudie ohne Auflagen genehmigen, ist ohnehin nicht wahrscheinlich. Die entscheidende Frage für die Forscher ist, wie groß die Einschränkungen sein werden. Jürgen Margraf schweigt derweil. Auch bei der letzten öffentlichen Podiumsdiskussion vor wenigen Wochen musste sein Stellvertreter in den Ring.
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Sesam Watch

Beobachtungen und Notizen zum Schweizer NCCR "Sesam", der 3'000 Kinder und ihr Umfeld vom ersten Ultraschallbild an 20 Jahre lang beobachten wollte (vorzeitiger Abbruch: 13.3.08). Autonom, skeptisch, ehrenamtlich. Kontakt: sesamwatch@gmail.com

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