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Aargauer Zeitung: "Margraf...
Bis vor einigen Monaten war unklar, ob Jürgen Margraf...
sesaminput - 21. Nov, 10:21
Geht Margraf doch nicht...
Jürgen Margraf habe sich noch nicht endgültig festgelegt,...
sesaminput - 21. Nov, 10:18
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"Sesam" heisst auf Englisch...
Was in der Schweiz mit 3'000 Kindern scheiterte, soll...
sesaminput - 9. Jul, 08:26

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Sonntag, 18. Juni 2006

NZZ am Sonntag: Leserbriefe

Die Briefe reagieren auf den Artikel «Uns geht es um das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt» vom letzten Sonntag, dem 11. Juni

Seit mehr als einem Jahr werden uns die hochtrabenden Ziele von «Sesam» mit immer der gleichen Powerpoint-Präsentation vor Augen geführt. Getan hat sich bis heute wenig. Viel öffentliches Geld wurde und wird ausgegeben, bewilligt ist noch immer kein einziges Teilprojekt der Studie. Das grösste Handicap von «Sesam», nämlich die klinische Forschung an Kindern, die selber keinen Nutzen von dieser Forschung haben werden, steht nach wie vor ungelöst im Raum; und die Speichelproben, die man den Säuglingen abzwacken will und die zweifellos den Grundstein für eine weitreichende Biobank legen sollen, möchte man bei «Sesam» als bedeutungslos am liebsten unter den Teppich kehren. Wir alle warten gespannt auf das Urteil der kantonalen Ethikkommission, das Nadelöhr, das auch von «Sesam» passiert werden muss.

Pascale Steck, Geschäftsführerin, Basler Appell gegen Gentechnologie

Das von Jürgen Margraf geleitete Forschungsprojekt «Sesam» ist von grosser Bedeutung für die verschiedensten Bestrebungen im Dienste der psychischen Gesundheit und damit der Gesundheitsförderung allgemein. Nicht zuletzt in der Suchtproblematik gehen die Meinungen über die wirksamsten Wege zu Prävention und Therapie auseinander. Wie können wir verhindern, dass junge Menschen in Identitätskrisen Autowettrennen veranstalten oder bei Liebeskummer mit dem Griff zur Flasche ihr Leben und dasjenige von Mitmenschen aufs Spiel setzen? Gibt es Möglichkeiten, solchen Menschen fehlende Perspektiven zu geben? Albert Schweitzer hat das Wort der Ehrfurcht vor dem Leben geprägt. Wichtig ist eine Ethik der umfassenden Ehrfurcht vor dem Leben. Sie sollte nicht behindert oder gefährdet werden durch einseitige Kämpfe für Einzelwerte.

Walter Schmid, Frauenfeld

Freitag, 16. Juni 2006

baz Forumsbeitrag: "Forschung für Menschen"

Autor: Lukas Richterich, Dr. phil., Fachpsychologe für Psychotherapie FSP, S. 32:

«Meine Mutter war zwar immer anwesend, aber sie war doch nie für mich da. Heute weiss ich, dass sie schwer depressiv war. Als Kind verstand ich das nicht. Und sie auch nicht. Sie wusste gar nicht, dass sie krank war.» Psychische Störungen verursachen immenses Leid für betroffene Menschen und ihre Familien. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten hören davon jeden Tag. Psychische Störungen kann man heute behandeln. Psychotherapeutisch und psychopharmakologisch. Dank der Forschung.
Wir verstehen aber noch viel zu wenig, wie psychische Störungen entstehen und welche Faktoren für die gesunde psychische Entwicklung verantwortlich sind. Deshalb bin ich von der Idee des Projekts «Sesam» (Swiss Etiological Study of Adjustment an Mental Health) begeistert. «Sesam» will die komplexen Ursachen aufdecken, die zu einer gesunden psychischen Entwicklung über die Lebensspanne führen. Erfreulich ist, dass die psychologische Fakultät unserer Uni federführend an diesem nationalen Forschungsschwerpunkt beteiligt ist.
Fassungslos verfolge ich, welche Gegnerschaft «Sesam» erwächst. Wie kommt es, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit schlimmsten Verdächtigungen, ideologiebeladenen Vorwürfen und grotesken Vorurteilen angegriffen werden, wenn sie ein drängendes gesellschaftliches Problem erforschen wollen?
Menschen orientieren sich in der Welt mittels ihrer Überzeugungen. So sind wir konstruiert, sagt die psychologische Forschung. Religiöse und ideologische Glaubenssysteme geben Orientierung und Halt, haben aber auch ein schädliches Potenzial. Dafür genügt ein Blick in die (europäische) Geschichte. Irrationalität ist gefährlich. Es ist verheerend, um ein Beispiel zu nennen, wenn in Südafrika Politiker öffentlich bezweifeln, dass Aids durch ein Virus verursacht wird. Verheerend auch, wenn Menschen in verantwortungsvollen Positionen Ängste vor wissenschaftlicher Forschung schüren. Missbrauch von Forschung wird heute durch gesellschaftliche Kontrollsysteme verhindert.
Die wissenschaftlichen Leistungen der vergangenen Jahrhunderte haben uns in vielen Bereichen Entwicklung, Wohlstand und Fortschritt gebracht. Aber die modernen Lebensbedingungen sind für die psychische Gesundheit problematisch. Wir müssen dringend mehr über die Faktoren wissen, die uns psychisch gesund erhalten.
Rauchen während der Schwangerschaft ist für das werdende Kind schädlich. Punkt. Das ist keine Glaubensfrage. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Wer würde es heute auch ernsthaft bezweifeln?
Wir brauchen mehr, nicht weniger Forschung am Menschen. Gerade im Bereich der psychischen Gesundheit. Das ist für unsere Zukunft lebensnotwendig. Wie sagte doch Kant vor 250 Jahren: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Aufklärung tut immer noch Not! Auch und gerade über Zusammenhänge und Bedingungen für die psychische Gesundheit. Dafür braucht es Projekte wie «Sesam».

Donnerstag, 15. Juni 2006

Sesam sucht

Aus den Stelleninseraten auf der Site der Fakultät für Psychologie:

NFS sesam: DoktorandInnen/StipendiatInnenstellen

Im Rahmen eines Teilprojektes des vom Schweizer Nationalfonds geförderten Nationalen Forschungsschwerpunktes “Swiss Etiological Study of Adjustment and Mental Health (sesam)“ suchen wir ab 1. Oktober 2006 zwei DoktorandInnen/StipendiatInnenstellen (100 %)
(...)
Aufgaben im Rahmen der Doktorarbeit:
• Mithilfe bei der Rekrutierung von schwangeren Frauen
• Vorbereitung der Datenerhebung, Erstellung und Entwicklung der Untersuchungsinstrumente
• Durchführen der Datenerhebung
• Mithilfe bei der Koordination des Studienablaufes
• Datenanalyse und Publikation der Ergebnisse
• Dissertation
• Präsentation der Forschungsergebnisse auf nationalen und internationalen Tagungen und Kongressen

Voraussetzungen:
• Qualifizierter Hochschulabschluss in Psychologie oder in angrenzenden wissenschaftlichen Disziplinen
• Interesse an psychobiologischen Fragestellungen und an einer wissenschaftlichen Laufbahn
• Fundierte Kenntnisse der Methodologie empirischer Forschung und der Statistik
• Ein Abschluss in einem Heil- oder Pflegeberuf (z.B. Krankenschwester oder Hebamme) ist von Vorteil, nicht aber Voraussetzung
• Sehr gute Englischkenntnisse
• Von Vorteil: Französischkenntnisse
• Räumliche und zeitliche Flexibilität
• Hohe Belastbarkeit

Montag, 12. Juni 2006

Margraf in NZZ am Sonntag: "das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt"

NZZ am Sonntag, 11.06.2006, Ressort Wissen, Autorin: Irene Dietschi, Hervorhebungen durch Sesam Watch

«Uns geht es um das Zusammenspiel von Erbe und Umwelt»

Jürgen Margraf leitet das Forschungsprojekt «Sesam»: 3000 Kinder sollen vorgeburtlich und bis zum 20. Lebensjahr untersucht werden, um die Entstehung von psychischer Gesundheit besser zu verstehen. Gentech-Gegner werfen dem Projekt «eugenische Tendenzen» vor. Der Angegriffene antwortet.

NZZ am Sonntag: Herr Professor Margraf, warum braucht es eine Studie, welche die Entstehung psychischer Erkrankungen untersucht?

Jürgen Margraf: Psychische Gesundheit beeinflusst unser Wohlbefinden mehr als die körperliche. Störungen der psychischen Gesundheit treten im Lauf des Lebens bei jedem zweiten Menschen einmal auf, das heisst, jede Familie ist mehr oder minder betroffen. Psychische Gesundheit ist auch mit hohen Kosten verbunden, und es geht um die Frage, wie man den Betroffenen besser hilft. In der Schweiz gibt es jährlich etwa dreimal so viele Suizide wie Verkehrstote - rund 1500 gegenüber 500 -, und wenn man vergleicht, was aufgewendet wird, um Verkehrsunfälle beziehungsweise Suizide zu reduzieren, kommt man auf ein krasses Missverhältnis. Verkürzt gesagt sind es Milliarden gegen ein paar Telefon-Hotlines. Das ist nicht gerechtfertigt und wird dem Leiden der Angehörigen nicht gerecht.

NZZ am Sonntag: Was hat das Projekt «Sesam» also vor?

Jürgen Margraf: «Sesam» möchte drei Dinge tun: Erstens herausfinden, welches die Schutzfaktoren sind, die psychische Gesundheit bewirken. Diese werden in der Forschung viel zu wenig berücksichtigt, deshalb sind sie unser erstes Ziel. Das zweite: Wir wollen die kritischen Konstellationen im Lebenskontext verstehen, und zwar in der ganzen Bandbreite, von der Biologie bis zur Soziologie. Wir isolieren nicht einzelne Faktoren, sondern es geht um das Zusammenspiel. Denn es gibt viele Gründe für die Annahme, dass sich die verschiedenen Faktoren in ihrer Gesamtheit gegenseitig beeinflussen. Der dritte Punkt schliesslich ist eigentlich der Sinn des Ganzen: Was wir tun, soll Grundlagen liefern für ein besseres Verständnis, aber auch für eine bessere Prävention und Therapie psychischer Störungen.

NZZ am Sonntag: Nehmen psychische Erkrankungen zu?

Jürgen Margraf: Die Bedeutung psychischer Störungen nimmt zu - was nicht automatisch heisst, dass auch die Häufigkeit steigt. Wenn etwa Infektionskrankheiten seltener werden, steigt die relative Bedeutung anderer Krankheiten. Ein anderer Aspekt: Die ökonomischen Bedingungen sind härter geworden, das heisst, Firmen können es sich weniger leisten, «schwierige» Angestellte an Bord zu behalten. Deshalb haben wir einen sehr starken Anstieg der IV-Renten aufgrund psychischer Störungen. Ob Depressionen häufiger geworden sind, ist unter Experten umstritten, mit Sicherheit zugenommen haben aber die Angststörungen. Ursachen sind unter anderem die angestiegenen Scheidungsraten, das Auseinanderbrechen der traditionellen Familienstrukturen. Das betrifft vor allem Kinder: Das durchschnittliche Kind heute - nicht das kranke! - hat einen höheren Angstwert als das durchschnittliche kinderpsychiatrisch hospitalisierte Kind in den 50er Jahren.

NZZ am Sonntag: Gegen «Sesam» hat sich heftiger Widerstand formiert. Der Basler Appell gegen Gentechnologie will das Projekt sistieren mit dem Argument, es werde «fremdnützige Forschung an Kindern» betrieben, und das sei unzulässig.

Jürgen Margraf: Das ist ein ganz problematischer Begriff, den ich so nicht stehen lassen kann. Es ist in der Forschung die Regel, dass es keinen direkten Nutzen gibt für denjenigen, der heute an einer Studie teilnimmt. Auch das geplante Humanforschungsgesetz hält diesen Grundsatz fest. Man macht Forschung für einen Erkenntnisgewinn, der dann anderen Menschen zugute kommt. Wenn man das verbieten möchte, muss man sich im Klaren sein, dass man den allergrössten Teil von Forschung verbietet. Die Behauptung, «fremdnützige» Forschung bei Kindern sei verboten, ist deshalb klar falsch. Denken Sie an Pisa oder an die Leukämie-Forschung: Von Pisa profitieren künftige Schülergenerationen. Und heute können drei Viertel aller an Leukämie erkrankten Kinder geheilt werden, weil damals Eltern ihre Einwilligung gaben, dass das Blut ihrer Kinder untersucht wurde. Mit welchem Recht sollen bei der Erforschung psychischer Krankheiten Einschränkungen gemacht werden, die man bei körperlichen Krankheiten nicht macht?

NZZ am Sonntag: Dem Projekt werden sogar eugenische Tendenzen vorgeworfen. Sowohl Ihr Kollege, der Psychoanalytiker Theodor Cahn, wie auch der Ethiker Klaus Peter Rippe äusserten sich entsprechend.

Jürgen Margraf: Das ist ein ungeheurer Vorwurf. Herrn Rippe habe ich zum persönlichen Gespräch eingeladen, um ihn aus erster Hand zu informieren. Wie auch übrigens den Basler Appell, der aber verlauten liess, man komme nur zusammen mit der Presse. Der Vorwurf wird den Opfern der Nazi-Verbrechen in keiner Weise gerecht, er kann sogar als Verharmlosung der Untaten wirken. Er wird mit keinerlei Belegen untermauert, es handelt sich offenbar um die simple Analogie: genetische Untersuchungen gleich Eugenik - bloss weil bei einem der Teilprojekte ein DNA-Test verwendet wird. Das ist mehr als fragwürdig. Uns geht es ja ums Zusammenspiel von Erbe und Umwelt, nicht um «die Gene».

NZZ am Sonntag: Man wirft Ihnen auch ein reduktionistisches Menschenbild vor.

Jürgen Margraf: Das ist auch so ein Kampfbegriff: Man versucht den anderen zu diskreditieren, indem man ihm ein reduktionistisches Menschenbild vorwirft. Wo soll das aber herkommen? Wo sind die Belege, dass wir technokratisch, biologistisch oder was auch immer sind? Wir haben bei «Sesam» Biologie dabei - ist man deswegen biologistisch? Wir haben Soziologie dabei - sind wir deswegen sozialistisch? Oder Psychologie - sind wir also psychologisierend? Es ist ein Witz. Wir haben zum Beispiel den führenden Medizinsoziologen Johannes Siegrist an Bord, wir mussten ihn im Ausland rekrutieren - und müssen uns nun anhören, wir seien zu wenig sozial! Wäre der Begriff nicht so abgedroschen, würde ich sagen: «Sesam» ist ganzheitlich.

NZZ am Sonntag: Zur Studie: Bei «Sesam» ist die Rede von einer «Kernstudie» und zwölf Teilstudien. Was wird da genau erforscht?

Jürgen Margraf: Die Kernstudie ist die Basis für alle Teilstudien: Wir möchten 3000 Familien in Hinblick auf Entwicklung und psychische Gesundheit begleiten, nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern und Grosseltern. Unser Ansatz ist interdisziplinär und methodisch divers. Die Informationen, die dort erhoben werden, sind die Basis für Teilstudien, in denen Teilaspekte untersucht werden, zum Beispiel das elterliche Gedächtnis: Wie detailgetreu behalten Eltern Lebensereignisse und Verhaltensweisen ihres Kindes in Erinnerung? Eine Teilstudie untersucht die Blinzelreaktionen von Säuglingen: Gibt es eine Verbindung zu späterem Suchtverhalten? Eine weitere Teilstudie hier in Basel geht der Frage nach, ob und wie sich Stress während der Schwangerschaft auf die Entwicklung des Kindes auswirkt.

NZZ am Sonntag: Wie soll diese Untersuchung vonstatten gehen?

Jürgen Margraf: Es wird vor allem das Verhalten des Kindes beobachtet, und zwar schon im Mutterleib, bei der routinemässigen Ultraschall-Untersuchung in der 20. Schwangerschaftswoche. Wie aktiv ist das Kind? Welchen Schlaf-Wach- Rhythmus hat es? Die Gruppe um Wolfgang Holzgreve, der die Studie leitet, möchte im Grunde das Qualitätsmanagement des Ultraschalls verbessern. Die Forschungsfrage von «Sesam» ist dabei ein Zusatznutzen.
In einem anderen Projekt wird mit Hilfe des Computers ein Elektrokardiogramm des ungeborenen Kindes erstellt. Auf dieser Basis können wir die vegetative Labilität untersuchen - einen der klassischen Risikofaktoren für den ganzen Bereich von affektiven und Angststörungen, auch Sucht. Diese Werte bringen wir dann zusammen mit dem Stress-Erleben der Mutter während der Schwangerschaft und können so sehen, wie sich das später beim Kind auswirkt. Entwickelt es Verhaltensauffälligkeiten, welche Faktoren helfen, welche schaden möglicherweise? Das ist sehr spannend.

NZZ am Sonntag: Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern können doch verschiedenste Ursachen haben. Und je mehr Faktoren an einem Phänomen beteiligt sind, desto schwieriger wird es, sie auseinander zu halten, das heisst, eine statistische Signifikanz für einen einzelnen Faktor zu finden.

Jürgen Margraf: Man kann die Faktoren für den Einzelfall nicht auseinander halten. Wir können höchstens über Gruppen Aussagen machen, denn bei grossen Gruppen ergibt sich im Durchschnitt ein aussagekräftiges Resultat. Wir können jedoch keine individuellen Risikoprofile herausgeben. Das wäre auch ethisch hoch problematisch. Wir arbeiten nur mit anonymisierten Daten und nur auf der Ebene von Gruppen.

NZZ am Sonntag: Auf der Homepage von «Sesam» werden bereits interessierte Familien angesprochen, die im Frühling 2007 ein Kind erwarten. Glauben Sie wirklich, dass Sie zu jenem Zeitpunkt starten können? Es heisst, die kantonalen Ethikkommissionen seien nicht involviert worden.

Jürgen Margraf: Das ist auch so ein Vorwurf, der jeglicher Grundlage entbehrt, die Ethikkommission beider Basel etwa war von Anfang an über «Sesam» informiert. Ich rechne nicht mit Schwierigkeiten, sondern bin zuversichtlich, dass wir plangemäss starten können.

NZZ am Sonntag: Wie wollen Sie die 3000 Familien 20 Jahre lang bei der Stange halten? Was bekommen die für ihren Aufwand?

Jürgen Margraf: Sie sprechen die wichtigste Frage von Langzeitstudien an: Wie viele Studienteilnehmer bleiben langfristig dabei? Wenn viele dabeibleiben, sind die Aussagen gut verallgemeinerbar; wenn viele wegbleiben, bleibt unklar, welche Selektionsprozesse mit im Spiel sind, und man kann die Erkenntnisse nicht mehr verallgemeinern. Die Schweiz hat bei Langzeitstudien ganz hohe Erfolgswerte, wie sie in anderen Ländern nie realisiert wurden. Die Langzeitstudie von Herrn Schöpf zur Schizophrenie hatte nach 22 Jahren eine Wiederteilnahmerate von 92 Prozent, die Zürcher Longitudinalstudien von Remo Largo weisen einen ähnlich hohen Wert auf. Die Schweiz hat eine stabile Bevölkerung, die gegenüber Forschung im Allgemeinen positiv eingestellt ist, und wenn die Untersuchungen interessant sind, dann kommt man gerne wieder. Eine weitere Rolle spielt, ob die Untersuchungen aufwendig und invasiv sind. Das ist bei «Sesam» nicht der Fall. Über Blut- und Speichelproben hinaus haben wir keine invasiven Untersuchungen. Unser Ziel ist es, dass am Ende der Studie 70 Prozent noch dabei sind. Das ist realistisch.
Forschungsschwerpunkt «Sesam»

Der Nationale Forschungsschwerpunkt «Sesam» (Swiss Etiological Study of Adjustment and Mental Health) hat sich der Erforschung psychischer Gesundheit verschrieben. Dabei sollen 3000 Kinder ab der 12. Schwangerschaftswoche bis zum 20. Altersjahr regelmässig untersucht und befragt werden. «Sesam» besteht aus 1 Kern- und 12 Teilstudien, an denen Forschende der Universitäten Basel, Bern, Freiburg, Zürich und Trier (D) beteiligt sind. Vorgeburtlich sind (nichtinvasive) Ultraschalluntersuchungen geplant, bei der Geburt werden Speichelproben für einen DNA-Test entnommen; ein einziges der 12 Teilprojekte befasst sich mit der Genetik («Der Einfluss genetischer Faktoren auf Entwicklung und Verlauf psychischer Erkrankungen»). Andere Teilstudien widmen sich etwa der Bedeutung der Grosseltern oder den gesellschaftlichen Einflüssen auf die Familie. Dafür sind Interviews mit den Grosseltern, Eltern und Kindern vorgesehen. Von «Sesam» erhoffen sich die Forschenden Einsicht darüber, was zur psychischen Gesundheit beiträgt, welche Faktoren Depressionen und Angststörungen begünstigen. Leiter des Projektes ist Jürgen Margraf, 50, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie in Basel. Das Budget der ersten Phase bis 2008 beträgt 23 Millionen Franken.

Mittwoch, 7. Juni 2006

SAGW: Veranstaltung zum Gesetz über die Forschung am Menschen

Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften
Öffentliche Veranstaltung zum Gesetz über die Forschung am Menschen
Datum: 16.06.2006 - 16.06.2006
Ort: Université Lausanne
Veranstalter: ASSH/SAGW

Öffentliche Veranstaltung im Rahmen der Jahresversammlung der SAGW

Forschung am und mit Menschen ist immer ein Eingriff in die physische und/oder in die psychische Integrität dieses Menschen. Daher unterliegt diese Forschung spezifischen Bedingungen, die zu ethischen Fragestellungen Anlass gibt. Dies gilt etwa für Menschen mit beschränkter Urteilsfähigkeit, für Kinder oder für verstorbene Personen.

Bisher waren für die Zulassungen von Forschungsprojekten am Menschen die kantonalen Ethikkommissionen zuständig. Da diese Situation eine teilweise uneinheitliche und unvollständige Regelung zur Folge hatte, wurde vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein Gesetzesentwurf über die Forschung am Menschen (Humanforschungsgesetz) ausgearbeitet, der im Frühjahr 2006 in die Vernehmlassung geschickt wurde. Mit dem neuen Gesetz können Bewilligungen für Forschungsprojekte auf eine neue, gesamtschweizerische Basis abgestützt werden. Auch die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) hat die Vernehmlassung genutzt und zum Gesetzesentwurf Stellung genommen.

(...)

# 16.15
NFS sesam: eine multizentrische, multidisziplinäre und multigenerationale Längsschnittstudie zur Entwicklung der bio-psycho-sozialen Gesundheit. Prof. Alexander Grob, Université de Bâle
# 16.30
Table ronde et discussion avec Dr. Carola Meier-Seethaler, Prof. Alberto Bondolfi, Prof. Alexander Grob, Prof. Michel Valloton
Moderation: Prof. Rainer J. Schweizer

Margraf: "Angststörungen nehmen bei Kindern dramatisch zu"

Gesundheit-SprechStunde; 07.04.2006; Seite 13; Nummer 7:

«Angststörungen nehmen bei Kindern dramatisch zu»
Warum verbreiten sich Angsterkrankungen seit fünfzig Jahren so schnell? Die Forschung gibt Antwort.
AUTOR: Von Beat Leuenberger

«Menschen leiden heute häufiger unter Angst als früher», stellt Prof. Jürgen Margraf fest. Der Leiter der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Basel interpretiert die Auswertung von Befragungen seit den 50er-Jahren: «Der Anstieg von Angsterkrankungen ist dramatisch.»
Am dramatischsten bei Kindern. Angstforscher Margraf: «Kinder, die heute als gesund gelten, leiden stärker unter Angst, als Kinder, die vor fünfzig Jahren in der Psychiatrie behandelt wurden.»
Wie ist das zu erklären? «Die Gene können es nicht sein», sagt Jürgen Margraf. «Sie verändern sich nicht so schnell.» Setzen die Wissenschafter aber den Angstanstieg in Beziehung mit sozialen Faktoren, finden sie vier Erklärungen: Angst vor Gewalt und Terroranschlägen, vor Naturkatastrophen, vor Seuchen wie Sars und Krankheiten wie Aids. Die zweite Erklärung ist die steigende Arbeitslosenzahl und die Zahl von Kindern, die unter dem Existenzminimum leben müssen.
Als dritte Erklärung nennen die Psychologen soziale Verbundenheit respektive ihre rasante Veränderung. Prof. Margraf: «Die Menschen heiraten seltener. Wenn sie heiraten, tun sie es später als in vergangenen Zeiten, sie haben weniger Kinder und sie lassen sich viel häufiger scheiden.»
Die Statistik gibt dem Angstexperten Recht: Bald jedes zweite Paar lässt sich in der Schweiz scheiden (Ende 2005: 45,5 Prozent), die Geburtenrate ist auf knapp unter 1,4 pro Familie gesunken, dafür die Zahl der Einzelhaushalte auf über 36 Prozent angestiegen. «Das heisst», so Jürgen Margraf, «die traditionellen Strukturen des Zusammenlebens verschwinden nach und nach und wir leben mehr und mehr in einer Gesellschaft der Vereinzelung.»
Die grosse Übersichtsstudie zum Thema Angst, die der Wissenschafter zitiert, wertete über 250 Befragungen mit mehr als 50'000 Erwachsenen und Kindern im Schulalter aus. «Sie zeigt deutlich, dass die sozialen Veränderungen da waren, bevor die Angst zunahm - und nicht umgekehrt», erklärt Margraf, «was es hoch wahrscheinlich macht, dass die Angst eine Folge des Umbruchs von Sozialstrukturen ist.»
Zur vierten wichtigen Erklärung für die Angstzunahme betreiben die Basler Psychologen um Jürgen Margraf eigene Forschung. Es ist die Dimension der Kontrollierbarkeit: «Belastungen, welche die Leute kontrollieren können, werden viel besser vertragen und machen sowohl psychisch wie auch körperlich viel weniger krank.» Ganz entscheidend dabei sei die eigene Wahrnehmung, sagt Margraf: «Sind die Menschen davon überzeugt, dass sie die Kontrolle haben, fühlen sie sich gut, auch wenn die Wirklichkeit anders ist.»
Nun kommt aber das Gefühl, sein Leben unter Kontrolle zu haben, zunehmend abhanden. Die Leute spüren, dass immer grössere Bereiche ihres Lebens ihrem direkten Zugriff verwehrt bleiben. Jürgen Margraf macht ein Beispiel: Die Globalisierung führt dazu, dass bei uns Arbeitsplätze verschwinden und nach Indien oder China verlegt werden. «Was kann der Einzelne dagegen tun?», fragt der Psychologe rhetorisch. «Natürlich nichts. Egal, welche politische Partei ich wähle, ich kann nicht wirklich etwas dagegen tun - und das macht Angst.»
Jürgen Margraf, Institut für Psychologie, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Basel - Erst kommt die Angst, dann die Depression: «Wir erfahren in immer stärkerem Ausmass, dass wir in einer vernetzten Welt leben. Der Einzelne kommt sich klitzeklein vor. Menschen aber, die das Gefühl haben, ihr Leben nicht kontrollieren zu können, erkranken viel eher an einer Angststörung. Hält diese lange unbehandelt an, kommen Depressionen und körperliche Leiden dazu.»

Donnerstag, 1. Juni 2006

Aargauer Zeitung: "Ethik-Gremien unter Beschuss"

Die Aargauer Zeitung referiert heute die Kritik an den KritikerInnen. Die Wissenschaftsseite, auf der der Artikel erscheint, ist offenbar gesponsert. Da steht:
Die Seite Wissen wird von der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW unterstützt.
Der Autor Felix Straumann schreibt laut seiner Webseite sowohl journalistisch für verschiedene Publikumsmedien, als auch - im Auftragsverhältnis - PR-Texte für Hochschul- und Forschungsinstitutionen. Ist es zulässig, zu vermuten, dass damit die Ausrichtung seines Artikels teilweise zu erklären ist? Voilà:

Ethikkommissionen: Sie überprüfen, ob ethische Standards in Forschung und Medizin eingehalten werden. In jüngster Zeit geraten sie dabei vermehrt in die Kritik.

Sie heissen NEK, EKAH oder EKBB und haben teilweise sehr unterschiedliche Aufträge. Dennoch ist den zahlreichen Schweizer Ethikkommissionen eines gemein: Sie achten darauf, dass ethische Standards eingehalten werden; sei es bei heiklen Forschungsprojekten, umstrittenen medizinischen Praktiken oder in der Gentechnologie. Eine schwierige Aufgabe, deren Umsetzung in letzter Zeit vermehrt auf Kritik gestossen ist. Jüngstes Beispiel ist die Empfehlung der Nationalen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) von vergangener Woche: Die Forschung an grossen Menschenaffen wie Gorillas oder Schimpansen soll vollständig verboten werden. Zudem mahnt die EKAH die kantonalen Ethikkommissionen zu grösster Zurückhaltung bei der Zulassung von Gesuchen für Experimente mit Affen.

Empfehlungen, die beim Tierschutzbeauftragten von ETH und Universität Zürich auf Unverständnis stossen: «Die ganze Bewertung muss in Zweifel gezogen werden.» In der Schweiz experimentiere zurzeit niemand mit grossen Menschenaffen. Abgesehen davon könne er sich auch Projekte vorstellen, die den uns nah verwandten Tieren nützen könnten, so Sigg. Als Beispiel nennt er Impfexperimente gegen das tödliche Ebola-Virus, das in Afrika die Gorillas auszurotten droht. Die geforderte Zurückhaltung bei der Bewilligung sei zudem bereits heute Alltag. Das den Empfehlungen der Ethikkommission zugrundeliegende Experiment, bei dem an der ETH mit Krallenäffchen Depressionsforschung betrieben wurde, hätten die Kommissionsmitglieder ausserdem «nicht richtig verstanden», sagt Sigg.

Doch die EKAH ist nicht die einzige Ethikkommission, die in der Kritik steht. Kopfschütteln löst vielerorts auch ein Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) aus. So kritisierte jüngst das Kommissionsmitglied Carola Meier-Seethaler in den Medien den vom Nationalfonds und Bundesrat bewilligten Nationalen Forschungsschwerpunkt «Sesam». Das umstrittene Grossprojekt «Sesam» will in verschiedenen Teilprojekten insgesamt 3000 Kinder von der 12. Schwangerschaftswoche an bis zum 20. Lebensjahr systematisch untersuchen und so Risikofaktoren für eine spätere Depression aufdecken.

Die renommierte Psychoanalytikerin Meier-Seethaler attestiert den Beteiligten fehlenden «demokratischem Anstand», weil nicht abgewartet wurde, bis sich die Ethikkommissionen ein Urteil hätten bilden können. Der Haken dabei: «Sesam» befindet sich erst in einer Planungsphase, in der die Einzelprojekte noch ausgearbeitet werden. Erst diese Einzelprojekte können dann die kantonalen Ethikkommissionen prüfen und gegebenenfalls genehmigen oder ablehnen. Das Geld für die Teilprojekte wird vom Nationalfonds bis zu einem positiven Entscheid zurückbehalten.

Meier-Seethaler kannte offenbar weder das Projekt noch die Abläufe bei der ethischen Prüfung ausreichend. Genau gleich der Präsident der EKAH, Klaus Peter Rippe: Der Ethiker und Geschäftsführer einer Beratungsfirma liess sich jüngst in einem Interview mit der «Wochenzeitung» für eine Stimmungsmache gegen das Projekt «Sesam» einspannen. Unter anderem diffamierte er darin die international angesehenen «Sesam»-Forscher: «Was fehlt, ist Klugheit. Man müsste diesen Leuten zeigen, wie komplex die Welt ist, bevor man sie mit ihrem Optimismus auf die Welt loslässt.»

Hermann Amstad, stellvertretender Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, kann sich nur wundern über den EKAH-Präsidenten: «Die Aussagen von Herrn Rippe waren ziemlich undifferenziert; vom Präsidenten eines solchen Gremiums hätte ich dies nicht erwartet.» Auf «Sesam» selber lastet inzwischen der Druck so stark, dass man sich dort nicht zum fragwürdigen Verhalten der einzelnen Ethikkommissionsmitglieder äussern will: «Das sind Leute, die uns begutachten», sagt Barbara Glättli-Dolanc, Medienbeauftrage von «Sesam».

Einer völlig andersartigen Kritik sind die vielen kantonalen Ethikkommissionen ausgesetzt. Diese Gremien sind zuständig für die Prüfung der ethischen und wissenschaftlichen Qualität von Forschungsprojekten an Menschen. Im Parlament stellt der Basler SVP-Nationalrat und Chirurg Jean Henri Dunant die Zweckmässigkeit dieser Ethik-Gremien in einer noch hängigen Motion infrage [Anm. v. Sesam Watch: Das ist sachlich falsch. Die Motion wurde von National- und Ständerat angenommen und ist damit erledigt, also nicht mehr hängig.]. Es sei zu befürchten, dass sich diese «gegenseitig in unsinniger Weise konkurrenzieren». Vor allem so genannte Multizenterstudien, die an verschiedenen Kliniken durchgeführt werden, müssten in jedem Kanton neu beantragt würden, was zu grossen Verspätungen führe, beklagt Mitunterzeichner FDP-Nationalrat Felix Gutzwiller. Gefordert sei deshalb eine gesamtschweizerische Koordination oder eine Konzentration der verschiedenen Kommissionen.

Amstad von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften hält den parlamentarischen Vorstoss allerdings für überflüssig: Das Humanforschungsgesetz, das sich zurzeit in der Vernehmlassung befindet, sieht bereits eine Verbesserung der Situation vor. Zudem habe sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren viel verändert und eine Konzentration der kantonalen Ethikkommissionen stattgefunden. Multizenterstudien können schon heute vereinfacht zugelassen werden.
Über 200 Kommissionen

Die Schweiz zählt über zweihundert Ethikkommissionen mit unterschiedlichen Aufgaben, Tendenz steigend. Auf nationaler Ebene existieren zwei Gremien, deren Auftrag es ist, Politik und Gesellschaft bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) befasst sich mit Fragen, die den Menschen direkt betreffen, zum Beispiel der Präimplantationsdiagnostik (PID) oder der Stammzellforschung. Die Nationale Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) befasst sich vor allem mit gentechnisch veränderten Pflanzen in der Landwirtschaft und in Lebensmitteln. Auf kantonaler Ebene existieren 14 Ethikkommissionen sowie etwa gleich viele Unterkommissionen in Genf und Zürich. Sie bewilligen Forschungsprojekte an Menschen aufgrund der ethischen und wissenschaftlichen Qualität. Im Kanton Aargau beispielsweise besteht die Kommission aus 20 Mitgliedern, die die an jährlich zehn Sitzungen eingegangenen Gesuche beurteilen. Der Kanton Solothurn hat keine eigene Ethikkommission und anerkennt die Voten des Aargauer Gremiums. Die grösste Zahl der Ethikkommissionen befindet sich an den Spitälern. Diese sollen heikle Entscheide bei der konkreten Behandlung einzelner Patienten fällen. (fes)

Mittwoch, 31. Mai 2006

Sesam im Jahresbericht von Nationalfonds und Uni Basel

Heute hat der Schweizerische Nationalfonds seinen Jahresbericht 2005 veröffentlicht und die umfangreiche Beilage mit der Liste der bewilligten Beiträge. Darin sind auch ein paar Zahlen zu Sesam zu lesen. Unter anderem, wieviel Geld dafür 2005 vom SNF an die Uni Basel geflossen ist. Jahresbericht, S. 48:
Schweizerische ätiologische Studie zur psychischen Gesundheit (SESAM), Betrag für 2005: 1'240'000; Betrag SNF für 4 Jahre: 10'200'000; Gesamtbudget für 4 Jahre: 22'755'786; Beginn: 2005; Heimatinstitution: Universität Basel
Wieviel davon wofür bereits ausgegeben worden ist, verrät allerdings der SNF-Jahresbericht nicht. Und auch dem Jahresbericht 2005 der Uni Basel ist dazu wenig zu entnehmen:
Jahresbericht '05 Uni Basel S. 45
Der im Frühjahr 2005 vom Bundesrat beschlossene Nationale Forschungsschwerpunkt «sesam» (www.sesamswiss.ch) ist zwar den Sozialwissenschaften zugeordnet, seine Forschungsinhalte interessieren jedoch ebenso die Biomedizin. Die Rolle von genetischen Faktoren bei der Entstehung und dem Verlauf psychischer Erkrankungen, die Auswirkungen von Depressionen bei schwangeren Frauen auf die Entwicklung des Fötus und die Beziehung zwischen biologischen Rhythmen und psychosozialer Prägung von Kindern stehen dabei besonders im Blickfeld. Es ist geplant, insgesamt 3’000 Familien mit Kindern über einen Zeitraum von zwanzig Jahren zu untersuchen. Diese Langzeitstudie ist weltweit einmalig und verspricht einen fundierten Einblick in die wichtigsten Faktoren und Risiken für die psychische Entwicklung der Menschen in der postmodernen Gesellschaft. Der Nationale Forschungsschwerpunkt «sesam» trägt wesentlich zur Brückenbildung zwischen den Life Sciences und den Geistes- und Sozialwissenschaften bei.

Jahresbericht '05 Uni Basel S. 65
Die Projektmittel des Nationalfonds sind im Vergleich zum Vorjahr um rund 4,1 Mio. Franken auf 45,4 Mio. Franken gestiegen. Damit liegt die Jahreszusprache von Nationalfondsmitteln im Jahr 2005 über dem Durchschnitt der Mitteleingänge der Jahre 2001–2005 (41,7 Mio. Fr.) [Gesamtaufwand der Uni Basel anno '05: 427,3 Mio]. Dieser Anstieg ist vor allem auf die beiden zusätzlichen Nationalen Forschungsschwerpunkte Sesam und Iconic Criticism zurückzuführen, die vom Nationalfonds mit Starttermin 1.10.2005 bewilligt wurden.

Heute 31.5.: Podiumsveranstaltung zu Sesam

Veranstaltet von Forum für Zeitfragen und Katholische Erwachsenenbildung beider Basel:
Sesam – Kontroverse um ein Forschungsprojekt; ein Podium
Ein Podium mit einer Präsentation von sesam; mit einer Kontroverse zwischen einem sesam-Vertreter und einer Kritikerin; und einem Gespräch mit zwei BeobachterInnen der Debatte.
Details siehe Link oder hier linke Spalte ganz unten.

Dienstag, 30. Mai 2006

baz-Leserbrief: "Missbrauchsgefahr solcher Forschung"

zu Theodor Cahn: «Es wäre viel mehr Bescheidenheit angesagt»; baz 19. 5. 06; Leserbrief: Eskalation der Argumentation; baz 27. 5. 06

Die Zuständigen des Nationalfonds täten gut daran, die Literatur um 1930 zur wissenschaftlichen Erfassung der Risikofaktoren für gesunde oder kranke Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen. Immerhin hat der Leiter des sesam-Projekts 2005 im Originalton versprochen, mit sesam würde endlich wissenschaftlich fassbar, was angeboren, was erworben sei (WOZ 10. 3. 05), und dies ermögliche bessere Prävention. Wenn die baz-Journalisten die Frage stellen, wie die Verbindungen zur Eugenik in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts sei, so beweisen sie damit einfach, dass sie das damalige Forschungsverständnis und den Glauben an den wissenschaftlichen Machbarkeitswahn kennen und die unsäglichen Konsequenzen, die in der NS-Diktatur daraus gezogen wurden. Wenn Philippe Trinchan, Presse- und Informationsdienst des Schweizerischen Nationalfonds (SNF), diese Zusammenhänge nicht kennt und deren Erwähnung «ungeheuerlich» nennt, ist es so, wie wenn es «ungeheuerlich» wäre, im Zusammenhang mit Atomenergie zu erwähnen, dass diese die Voraussetzung ist für Atombomben. Der SNF-Informationsbeauftragte hätte beruhigender gewirkt, wenn er, statt auf der baz und Herrn Theodor Cahn herumzuhacken, die Missbrauchsgefahr solcher Forschung anerkannt und deutlich gemacht hätte, wie beim SNF und durch die sesam-Verantwortlichen die entsprechend angesagte Sorgfaltspflicht wahrgenommen wird. Information ist Macht. Beim Erheben und Verwenden von so sensiblen Entwicklungs- und Gesundheitsdaten wird Misstrauen zur Pflicht, um gewollten oder ungewollten Missbrauch zu verhindern.

Ursula Walter, Basel
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Sesam Watch

Beobachtungen und Notizen zum Schweizer NCCR "Sesam", der 3'000 Kinder und ihr Umfeld vom ersten Ultraschallbild an 20 Jahre lang beobachten wollte (vorzeitiger Abbruch: 13.3.08). Autonom, skeptisch, ehrenamtlich. Kontakt: sesamwatch@gmail.com

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